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Anonymous und der Cyberkrieg gegen Russland


Bereits kurz nach dem kriegerischen Angriff Russlands auf die Ukraine hat Anonymous Russland den Cyberkrieg erklärt.

Anonymous offiziell im Krieg gegen Russland

Die Vorgänge in der Ukraine haben das Kollektiv sofort auf den Plan gerufen. Über Twitter wurde am 24. Februar um 10.50 Uhr verkündet:

„Das Anonymous-Kollektiv befindet sich offiziell im Cyberkrieg gegen die russische Regierung.“

(übersetzt mit Deepl)

Wer steckt hinter diesem Kollektiv?

Wikipedia beschreibt die Gruppe von selbsternannten Computerspezialisten folgendermaßen

„Anfangs als Spaßbewegung aus dem Imageboard 4chan hervorgegangen, trat Anonymous seit 2008 zunehmend politisch mit Protestaktionen für die Redefreiheit, die Unabhängigkeit des Internets und gegen das Urheberrecht, Schriftsteller und verschiedene Organisationen, darunter Scientology, staatliche Behörden, global agierende Konzerne, Urheberrechtsgesellschaften und auch in internationalen sozialen Problemfällen in Erscheinung. Die Teilnehmer agierten anfangs nur im Internet, mittlerweile betreiben sie ihre Aktivitäten auch außerhalb des Netzes. Aktionsmittel von Anonymous sind unter anderem Demonstrationen und Hackerangriffe.“

(HIER)

Die hilflos den russischen Einmarsch verfolgende Weltöffentlichkeit nicht nur auf Twitter hat dieses Statement begeistert aufgenommen.
Das bekannte Motto von Anonymous lautet

“We are Anonymous. We are Legion. We do not forgive. We do not forget.

„Wir sind  Anonymous. Wir sind viele. Wir vergeben nicht. Wir vergessen nicht,“

Retter in der Not?

Gerade vor dem Hintergrund der durch das Putin-Regime betriebenen Propaganda und Desinformation in westlichen Ländern erschien vielen das Engagement von Anonymous ein willkommener und legitimer Weg, Putin in seine Schranken zu weisen und auf digitale Weise zu bekämpfen. Die Legalität der Aktionen spielte dabei angesichts der Monströsität des Krieges, den Putin gegen die Ukraine führt, und der eigenen Hilflosigkeit, keine größere Rolle in der öffentlichen Diskussion.
 
Doch was genau ist seitdem geschehen und wie wirkungsvoll sind die Aktivitäten der Hacker tatsächlich? Können sie Putins Krieg aufhalten oder einen Einfluss auf die russische Gesellschaft nehmen?

Die einen sagen so, die anderen so.

Spektakuläre Aktionen

Verschiedene Aktionen von Anonymous haben große Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

Die aufsehenerregendsten Aktionen passierten in den frühen Tagen des Krieges. Im Februar beanspruchte Anonymous einen Hack der Webseite des russischen Verteidigungsministeriums für sich. Außerdem wurden die Seite des Kreml und des Regierungsportals offline genommen (HIER).

Durch eine DDOS-Attacke (HIER) wurden die Webseiten von dem unter unmittelbarer staatlicher Kontrolle stehenden Fernsehsender RT News und anderen russischer Medien, die staatliche Propaganda verbreiten, zum Zusammenbruch gebracht. Dabei greifen Millionen von Computern gleichzeitig auf einzelne Seiten zu, dass diese zu Zugriffe nicht mehr verarbeiten können und völlig überlastet sind. Auch diesen Angriff beanspruchte Anonymous für sich.

Am 26. Februar stand das russische Staatsfernsehen im Fokus. Auf mehreren Kanälen wurden für mehrere Minuten Bilder gezeigt, die das russische Publikum normalerweise nicht zu sehen bekommt, bzw. auf gar keinen Fall sehen soll: aktuelles Bildmaterial aus den Kampfgebieten. Besonderes Augenmerk galt dem Leid der Zivilbevölkerung. Auch pro-ukrainische Durchhalteparolen sowie nationale Musik waren zumindest für kurze Zeit zu sehen und zu hören, bevor der Hackerangriff abgewehrt werden konnte (HIER)

Auch russische Tageszeitungen wurden Opfer des Kollektivs, das sich auf die Fahnen geschrieben hat, gegen die Propaganda der Putin-Regierung vorzugehen. Die zugehörigen Webseiten zeigten immer wieder Aufrufe, sich gegen den Krieg zu wehren. Betroffene Medien waren die Iswestija, Kommersant und die russische Presseagentur TASS.

Auf der Internetseite von „Iswestija“ erschien ein Banner des Hackerkollektivs „Anonymous“.

„Wir fordern Sie dringend auf, diesen Wahnsinn zu stoppen, schicken Sie Ihre Söhne und Ehemänner nicht in den sicheren Tod. Putin bringt uns zum Lügen und bringt uns in Gefahr“.

(HIER)

Am 24. März verkündete Anonymous auf Twitter, man habe die russische Zentralbank erfolgreich gehackt. Die über 35.000 Dateien werde man innerhalb von 48 Stunden veröffentlichen, drohte das Kollektiv in dem Tweet. Es bleibt abzuwarten, ob diese Daten tatsächlich den Weg in die Öffentlichkeit finden.

Hacktivismus

Aber nicht nur Hacking steht auf der Anonymous-Agenda, sondern auch Aktivismus. Es ist unklar, wer die ursprüngliche Idee hatte, ob ein unbekannter polnischer Google-Nutzer, wie kolportiert wird, oder tatsächlich Anonymous. Die Idee verteilte sich blitzartig über alle Kanäle. Die Menschen waren begeistert, selbst etwas tun zu können. Auf jeden Fall veröffentlichte das Kollektiv einen Aufruf, die Bewertungsfunktion von Google zu nutzen, um bei den Kommentaren zu den Bewertungen russischer Restaurants o.ä. Wahrheiten über den Krieg in der Ukraine zu schreiben – in Wort und Bild. Und hat damit diese Aktion so richtig angeschoben. Bis Google die Bewertungen über Nacht wieder löschte (HIER).  Ob auf Eigeninitiative wegen der Verletzung der Nutzungsbedingungen (nur eigene Erfahrungen für Bewertungen nutzen) oder auf Druck der russischen Regierung ist unklar.

Wer ist Anonymous?

Anonymous ist Anfang der 2000er entstanden aus einer Gruppe Computernerds, die auf Ichan4 nicht mit Namen angemeldet waren und deshalb als „Anonymous“ angezeigt wurden. Aus der Schwarmintelligenz pubertärer Jugendlicher wurde ein vielfach gefürchtetes Netzwerk mit dem Hang zur Selbstinszenierung, das aber auch wirklich große Hacks geliefert hat. So wurden Visa und Scientology erfolgreich attackiert, mexikanische Drogenkartelle und die CIA und selbst dem Vatikan half der himmlische Beistand nichts.

Die Gruppe sieht sich als gesellschaftliche Bewegung, die sich für Meinungsfreiheit einsetzt, dabei aber oft Wege nimmt, die jenseits des Legalen sind. Das hat dazu geführt, dass Anonymous in manchen Ländern als Terroristen angesehen werden (HIER).

Anonymous ist nicht zu fassen und in  seinen Strukturen kaum zu definieren, zu anonym agieren die Computerspezialisten. Gemeinsam ist den unbekannten Teilen des Kollektivs das Selbstverständnis, ein Korrektiv gegen die Unterdrückung der Gesellschaft zu sein, unabhängig davon, ob die vermeintlichen Unterdrücker Regierungen oder Konzerne sind. Werden unvorsichtige Hacker enttarnt und verhaftet, treten sofort neue Hacker an die Stelle. Nicht immer ist auch klar, ob Bekenntnisse, zum Kollektiv zu gehören, von der Realität gedeckt sind. Jeder kann behaupten, Anonymous zu sein. Wissen tut es nur das Netzwerk selbst.

Als das Symbol des Kollektivs gilt die Maske, mit der der katholische englische Attentäter Guy Fawkes aus dem 17. Jahrhundert in dem Comic „V wie Vendetta“ dargestellt wurde.

Nach den Zeiten, als man sich in Foren und auf Image-Boards traf, organisiert sich Anonymous heute über Messengerdienste wie Threema oder Telegram  und tauscht sich dort über „attraktive“ Sicherheitslücken und anstehende Aktionen aus. Außerhalb der eigenen Blase ist Twitter das Kommunikationsmittel der Zeit. Mittlerweile existieren diverse Twitter-Kanäle, die Anonymous zugerechnet werden und auch aktuell über die Aktivitäten des Kollektivs in der Ukraine berichten. Hier ein Überblick über die deutschen Kommunikationskanäle (HIER), die AnonLeaks auf seiner Website veröffentlicht. Der Kanal @AnonNewsDE allerdings ist seit letztem Herbst gesperrt. Anonymous hatte im Zuge der Aktion Tinfoil diverse Webseiten und Kanäle des Verschwörungserzählers Attila Hildmann übernommen. Die Veröffentlichung dieser Infos allerdings verstieß wohl gegen Twitters Nutzungsbedingungen des Schutzes der Privatsphäre seiner Nutzer (HIER).

Läuft nicht immer rund

Nicht alle Aktionen laufen wie geplant. So der aktuelle Nestlé-Hack. Anonymous wollte die letzten in Russland noch aktiven Unternehmen per 48h-Ultimatum zum Rückzug bewegen. Und dabei an Nestlé ein Exempel statuieren. Man habe 10 GB sensible Daten gekapert und veröffentlicht, darunter Passwörter, Emails und Daten von Kunden.

Dumm nur, dass Anonymous da wohl kräftig daneben lag. Nestlé gab an, es habe kein Eindringen in die Systeme gegeben. Die Daten seien Testdaten, die bereits im Februar versehentlich veröffentlicht wurden. Man sehe keinen weitere Handlungsbedarf (HIER). Nichtsdestotrotz hat Nestlé wenig später bekanntgegeben, sich aus Russland teilweise zurückzuziehen, bzw. den Verkauf nicht lebensnotwendiger Produkte zu stoppen. Die knapp 6.000 Mitarbeiter hingegen würden weiter ihre Einkünfte erhalten (HIER). Inwieweit Anonymous eine Rolle bei diesem Teilrückzug gespielt hat, oder ob Nestlé die Zeichen der Zeit erkannt hat, bleibt unklar.

Ein bisschen Spaß muss sein?

Amüsanter ist da fast schon der aktuelle Druckerhack. Man habe russische Drucker gekapert und landesweit in Unternehmen wie Privathaushalten Dokumente ausgedruckt, die aufklären, wie via dem Tor-Netzwerk zur anonymen Nutzung des Internets freie Medien genutzt werden können. Eine eindeutige Aufforderung an russische Leser, sich der russischen Informationskontrolle zu entziehen. Außerdem habe ein Bastelbild beigelegen. Dreimal falten und aus den vier abgebildeten Schweinen ergibt sich wie von Zauberhand das Gesicht des russischen Präsidenten (HIER).

Anonymous setzt aber auch auf moderne Recruiting-Methoden: So erschien gestern, am 25. März, auf Facebook ein Post, der interessierte Nutzer einlädt, Team-Mitglieder zu werden. Der Link führt zu Telegram… 😉

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Anonym und nicht wirklich harmlos

Schenkt man Sicherheitsexperten Glauben, so  sind die Angriffe, die bislang vom Kollektiv öffentlich beansprucht wurden, technisch eher einfach zu bewerkstelligen.

Der Sicherheitsexperte Pichlmayr von Ikarus bestätigt das gegenüber Standard.at, sieht aber auch eine unbekannte Komponente. Denn man wisse nicht, was im Hintergrund passiere und Angriffe auf kritische Infrastruktur  könnten zu einer „Eskalation des Krieges auch im Cyberraum führen“ (HIER).

Wer sich im Cyberkrieg gegen Russland positionieren möchte, sei gewarnt. Es gebe ein hohes Risiko, mit illegalen Aktionen in den Fokus der eigenen Strafverfolgungsbehörden zu geraten. Schließlich ist das Internet kein rechtsfreier Raum. Schlimmer jedoch sei unter Umständen die Aufmerksamkeit der russischen Behörden. (HIER und HIER).

Fazit

Das Hacker-Kollektiv Anonymous hat sich offensichtlich derzeit auf den Cyberkrieg gegen Putins Propaganda-Maschine fokussiert. Ziel ist es, die russische Bevölkerung über den Angriffskrieg Putins in der Ukraine aufzuklären. Es ist unbekannt, ob neben den öffentlich bekanntgegebenen Aktionen noch weitere Cyberangriffe im Hintergrund laufen.
Experten weisen darauf hin, dass Anonymous auch illegal arbeiten und eine Teilnahme an dem Kollektiv mit hohem persönlichen Risiko verbunden ist.

Hinweis: Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell
war. Die Wiedergabe einzelner Bilder, Screenshots, Einbettungen oder Videosequenzen dient zur
Auseinandersetzung der Sache mit dem Thema.





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